2 REDAKTION, Freeride

Lawinenschutz – Entwicklung seit 1999

28. Februar 2019

20 Jahre nach der Lawinenkatastrophe in Galtür hat sich viel getan in Sachen Lawinenschutz. Aber inwieweit lässt sich die weiße Gefahr in den Griff bekommen? Eliane Droemer hat Dr. Rudi Mair vom Lawinenwarndienst Tirol befragt zu den Möglichkeiten und Grenzen des heutigen Katastrophenschutzes.

Dass Rudi Mair nach Worten sucht, kommt nur selten vor. Der international renommierte Lawinenexperte, Meteorologe und Glaziologe, ist Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol und hat in dieser Funktion auch schon 1999 das Lawinenunglück von Galtür erlebt. Mit seiner wort- und bildgewaltigen Eloquenz ist er beliebter Interviewpartner der Medien, aber den Anblick von Galtür kann er nur schwer beschreiben.

Rudi, Du warst damals schon Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol. Wenn du an den 23. Februar denkst, wie hast Du das empfunden?

Das war damals schon insofern schlimm, als es sich gegen 16 Uhr ereignet hat, die Straßen nach Galtür waren meterhoch verschüttet, also der Ort war über den Landweg schon mehrere Tage nicht mehr erreichbar, und aufgrund von Dunkelheit und vor allem des extrem schlechten Wetters war absolut keine Möglichkeit zu Fliegen. Das heißt, die erste Nacht war die Bevölkerung mit den Gästen komplett auf sich allein gestellt. Da mussten sie selbst die ganzen ersten Maßnahmen treffen, nach Verschütteten suchen, ausgraben, also das war sicher …heftig.

Wann konntest Du zum Unglücksort?

[überlegt] Zwei Tage später, als es wieder möglich war, dass man reinfliegen konnte. Wenn man das nicht gesehen hat, glaubt man das fast nicht.

War die Katastrophe absehbar?

Es war mir klar bei der dritten Woche mit Schneefall, irgendwann wird es krachen. Erst hat man eine bestimmte Wetterlage und daraus ergibt sich ein bestimmter Schneedeckenaufbau und genau wegen diesem Aufbau passieren dann diese Lawinen. Aber Du weißt nicht wo, Du weißt nicht wann und Du kannst überhaupt nichts mehr dagegen tun. Immer diese Abfolge: Wetter, Schneedecke, Lawine…

Das heißt, nach den zwei Lawinen im Paznauntal war die Situation nicht ausgestanden…

Wir wussten überhaupt nicht, was noch passieren wird. Betroffen waren mehrere Bezirke in Tirol, wo große Lawinen zu erwarten waren: Imst, Landeck, mit Kaunertal, Stanzertal, Reutte… es waren an die 115.000 Menschen, die davon betroffen waren. Selbst wenn es vom Wetter her gegangen wäre, diese alle zu evakuieren, es hätte Tage gedauert. Im Kaunertal war die Situation noch kritischer von der Lawinensituation her als in Galtür – es kam Gott sei Dank zu keiner Katastrophe, aber da zählt auch immer eine Portion Glück dazu.

Wäre es Möglichkeit gewesen, frühzeitig zu evakuieren?

Frühzeitig auf Verdacht hin ein ganzes Dorf evakuieren, wie z.B. Ischgl mit vielleicht 10.000 Personen eine Woche vorher zu evakuieren und dann schwächt sich das Wettermodell ab… da muss man viele Faktoren miteinander abwägen. Das muss man einfach realistisch sehen – Evakuierungen bringen auch logistische Herausforderungen, die nicht immer ganz einfach zu lösen – bei Notwendigkeit aber wichtig sind. Beispielsweise in einem engen Tal: Da kannst Du auch nur eine bestimmte Anzahl von Flugbewegungen machen. Da kannst Du nicht 100 Hubschrauber hineinschicken. D.h. Du musst Korridore zum Rein- und Rausfliegen schaffen, es kann nur in bestimmten Abständen geflogen werden, es muss viel bedacht werden.

Und Maßnahmen oder Handlungsempfehlungen für vor Ort?

Klar wäre eine Maßnahme in den Keller zu gehen – das ist Gästen, die sich auf einen tollen Skiurlaub gefreut haben, schwer zu vermitteln. Ich glaube das war 1689, da war in Galtür auch eine kritische Lawinensituation. Die Bewohner haben das erkannt und das einzig Sinnvolle gemacht und sind in die Keller gegangen. Und was ist passiert… es ist eine große Lawine abgegangen, die hat den Bach über Stunden aufgestaut, es hat sich ein See gebildet, schließlich die Keller geflutet und 29 Menschen sind ertrunken. Es ist also nicht so, dass es ein gewisses Schema F gibt, dem man folgen kann.

Was hat sich seither beim Katastrophenschutz bzgl. Lawinen verändert?

Der Katastrophenschutz hinsichtlich Lawinen ist in Tirol sehr gut. Zudem gibt es klare Warnschwellen. Z.B. wenn wir wissen, dass innerhalb von 3 Tagen 100 cm oder mehr Schnee fallen wird, dann werden sofort alle Entscheidungsträger, Politiker, Baubezirksämter, Straßendienste und weitere vorgewarnt. Und dann tritt automatisch auch ein Einsatzstab zusammen, der täglich die Lage bespricht. Im Vergleich zum Jahr 1999 sind wir heute noch besser vorbereitet. Wobei man sagen muss, das Ereignis an sich, das kann keiner verhindern. Da würde nur ein Schnee-Ausschalter helfen und den hat niemand. Aber man kann vorbereitende Entscheidungen zum bestmöglichen Schutz der Bevölkerung treffen wie z.B. Straßensperren.

Wenn man an die Situation vor einem Monat denkt, als im Januar teilweise Lawinenwarnstufe 5 bestand und Du gefühlt auf allen TV-Kanälen davor gewarnt hast, abseits zu gehen…

Ja, hinzukommt, dass die meteorologischen Prognosen in den letzten Jahren nochmal enorm an Güte gewonnen haben. Da ist man heute sicher wesentlich besser vorbereitet. Inzwischen haben wir auch deutlich mehr Wetterstationen und Daten. Gerade die Ereignisse mit dem Schneefall im Januar, da kann man sagen, die Vorhersage stimmt auf den Zentimeter genau, wir wissen wann hört es auf zu schneien, wann setzt Wind ein… und können entsprechend damit arbeiten.

Und ist das Absprengen von Lawinen eine wirksame Maßnahme?

Sprenganlagen sind ein zweischneidiges Schwert. Im Prinzip geht es beim Sprengen darum, vorher den Schnee portionsweise auszulösen, so dass in den Anbruchgebieten nie zu viel Schnee ist, also die Lawinen nie so groß werden können. Das kann aber nur dort durchgeführt werden, wo ich sicher bin, dass ich keine Zerstörungen anrichte wie es etwa in Siedlungsbereichen der Fall wäre. Ein mögliches Beispiel ist die Straße von Ischgl nach Galtür, da ist der gefährdete Bereich ca. 150 Meter lang, da sperrt die Polizei die Straße und prüft mehrfach, dass tatsächlich niemand in dem Bereich unterwegs ist und dann wird die Lawine ausgelöst. Die Straße wird geräumt und kann wieder freigegeben werden.

In Galtür gibt es inzwischen auch bauliche Schutzmaßnahmen…

Was sich seit damals verändert hat und was ich eine tolle Sache finde, ist der integrale Lawinenschutz. Hier gibt es permanente Maßnahmen wie Gefahrenzonenpläne und temporäre Maßnahmen wie Sperrungen oder Sprengungen. Dann unterscheidet man noch zwischen aktiven und passiven Maßnahmen.

Die Gefahrenzonenpläne werden auch aufgrund der Lawinenchronik erstellt. Da fließen historische Daten ebenso ein, wie aktuelle Einschätzungen: Das Wissen über Lawinenabgänge der letzten paar hundert Jahre. Und wenn da nie eine Lawine abgegangen ist in der Größe, dann nimmt man an, dass das nach menschlichem Ermessen sicher ist.

Wobei, was man klar sagt zum Thema Lawine, das einzige was sicher ist, hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht und kann man nicht einschätzen.

Es muss auch irgendwo eine Sinnhaftigkeit haben, der Maßnahmen die man trifft. Die Bauwerke sind auf 150 Jahre dimensioniert, da man in der Regel sagt, so ein Ereignis tritt alle 150 Jahre auf.

Das heißt, ein Restrisiko bleibt bestehen?

Tirol ist ein alpines Naturland mit jeder Menge Berge und jeder Berg hat zig Hänge. Und jeder Hang der steil genug ist, ist ein potentieller Lawinenhang, das ist so. Und trotz aller Maßnahmen muss man ganz ehrlich sein, wenn wir wieder einmal so eine Wettersituation haben, wo es zwei, drei Wochen durchschneit ohne Pause – das sind herausfordernde Situationen. Eine einhundertprozentige Sicherheit kann nie gewährleistet werden, aber wir bereiten uns bestmöglich auf alle Eventualitäten vor.

Viele Regionen haben ihre Naturgefahren wie Hochwasser im Donauraum, Sturmfluten an der Nordsee oder Tsunamis in Indonesien. Mit den Naturereignissen müssen wir umgehen, wir können sie nicht verhindern. Wir können nur schauen, dass die Auswirkungen möglichst gering sind und dass man vorbereitet ist. Dass es möglich ist, effektive Maßnahmen zu treffen, schnell zu helfen und mit dem Ereignis so umzugehen, dass man sagen kann: das war professionell.

Und wir Freerider und Tourengeher profitieren inzwischen ja von Eurem grenzübergreifenden Lawinenlagebericht avalanche.report

Hier fließen pro Tag alle Informationen ein von 200 Messstationen, bis zu 20 Schneeprofile und bis zu 50 Berichte von externen Beobachtern und Mitgliedern der Lawinenkommission. Zudem verschaffen wir uns einen Überblick durch rund zehn Kontrollflüge pro Saison und drei Geländegänge in der Woche um das Gesamtbild für den Lagebericht zu vervollständigen. Diese synoptische Zusammenschau ergibt aus vielen Daten und Erfahrungen eine ausgezeichnete Analyse für das Gesamtbild.

Wenn eure 200 Messstationen alle 10 Minuten Daten liefern, sind das ja 288.000 am Tag… wie passen die in die Zusammenschau hinein?

Hier geht es darum, den Verlauf der Messwerte zu erfassen und Messfehler auszusortieren – sowas sehen wir auf einen Blick und können zusammen mit unserer Erfahrung daraus eine flächige Kartendarstellung entwerfen. Deshalb wird ein Prognostiker auch niemals durch einen Computer ersetzt werden können. Übrigens: Bis auf Brieftauben und Rauchzeichen kommunizieren wir den Lagebericht auf allen Kanälen – dazu zählen Social Media, SMS- und auch Whats-App-Nachrichten.

Vielen Dank für die vielen Informationen Rudi!

INFOKASTEN

Das passierte in Galtür 1999

Im Februar 1999 fiel in zehn Tagen eine Schneemenge wie sie statistisch gesehen nur alle 300 Jahre vorkommt. Der Neuschneezuwachs im Hochgebirge betrug ein bis zwei Meter innerhalb von zwei bis drei Tagen bei einer Gesamtschneehöhe von über vier Meter. Am 23.2.99 zerstörte die vom Grieskogl abgehende Lawine zwölf Häuser in Galtür auf einer Breite von 800 Metern. Zwei Ortsteile waren über fünf Meter hoch vom hart gepressten Schnee verschüttet. Wegen des schlechten Wetters erreichten die Rettungsmannschaften erst am nächsten Morgen den Ort und konnten 40 Personen lebend ausgraben. Am gleichen Tag wurden im nahegelegenen Weiler Mathon vier Häuser von einer weiteren Lawine verschüttet. Der Schnee war tonnenschwer, mit Motorsägen mussten sich die Helfer vorarbeiten um mögliche Überlebende zu finden. Was sich dahinter an Leid und Emotionen verbirgt, kann man bestenfalls erahnen. Insgesamt wurden 400 Helfer mit 42 Hubschraubern eingeflogen. 38 Lawinentote forderte die folgenschwere Lawinenkatastrophe. 12.500 Personen wurden ausgeflogen.

Quelle u.a.: Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik 2008.

Lawine in Hochfügen im Winter 99. Foto: LWD Tirol

You Might Also Like